10 Minuten-Skaterstory

credits by namelus / zakir sulema

Shredding the Halfpipe
Über Skater-Ästhetik und das (zweite) Leben als Skater. Und das in nur 10 Minuten.

In Köln ist es heiß. Seit Anfang dieser Woche blieb jeder Tag über 30 Grad. Die Kölner bleiben aber nicht zuhause. In der Schilderstraße reißt der Fluss an Passanten und Touristen nicht ab.Ich bin auf der Suche nach individuellen Geschichten, die jeder Kölner von sich zu erzählen hat. Geschichten, die vielleicht noch kein anderer zu hören bekam. Unter einer Million Einwohnern suche ich eine Geschichte.

Die Schilderstraße ist der falsche Ort um so eine Suche zu starten, hier hat keiner die Zeit 10 Minuten zu reden. Also fahre ich los zum Rheinufer, wo ich mehr Menschen erwarte, die Zeit haben zu reden.

Am Rheinufer sieht es entspannter aus, auf den Asphaltwegen entlang des Rheins treffe ich aber nur auf wenige Menschen. Zuerst auf Moritz. Er sonnt sich und macht Mittagspause. Jetzt in den Sommerferien promotet er Sportevents. In der Hosentasche hat er ein rein gedrücktes Handtuch. Als ich ihn darauf anspreche, beginnt er ganz fasziniert vom Marathonlaufen zu erzählen. 42 Kilometer seien doch anstrengend. „Nein“, sagt er „da muss man nämlich einfach nur durchbeißen“. Sein Durchhaltevermögen, das kommt ihm auch als Student zugute. Dass Moritz Sportmanagement studiert, war eigentlich schlüssig. Als Ausgleich zu langen Partynächten mit anderen Uni-Kollegen, geht er jeden Tag eine Stunde laufen. Konsequent, manchmal auch länger. Wenn es so heiß ist wie heute, ist Moritz nicht so streng mit sich. Da reichen dann auch 40 Minuten Laufen. Nach 10 Minuten Reden muss Moritz aber wieder los.

Eine persönliche Geschichte habe ich aus Moritz nicht raus kitzeln können. In der Sonne zu sitzen war keine schlaue Idee. Die nächste Kölnerin oder den nächsten Kölner will ich im Schatten treffen.

Am Rheinufer sehe ich keine 10 Menschen, nur der neue Skaterplatz entlang des Rheins sieht lebendig aus. Noch vor Kurzem war die Domplatte der Platz für alle Skater. Jetzt gibt es aber am Rheinufer einen neuen Skateplatz. Und hier spreche ich einen Jungen an, der gerade auf seinem Skateboard Tricks probiert. Diesmal setzen wir uns in den Schatten. In den nächsten 10 Minuten will ich die Geschichte von Jan erfahren. Er ist 18 Jahre alt und Skater. Lies weiter »

Veronika – dat Kölsch ist da

© Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Köln – der Dom – das Rheinufer.
Die Universität – die Bibliothek und sengende Sommerhitze.

Jeder sehnt sich nach Erfrischung…Aber dass sie so schnell kommen würde, damit hat Veronika nicht gerechnet.

Gerade noch liest die Studentin in ihren überdimensionalen Germanistikbüchern – von Augustinus bis Goethe, von Schiller bis Lenz, von Nietzsche bis Kant – als aus heiterem Himmel die Zimmerdecke einstürzt und ein riesiger Schwall Wasser unaufhaltsam aus dem oberen Stockwerk die Bib überflutet. Veronika und ihre Mitstudenten wundern sich noch ordentlich über den häuslichen Wolkenbruch, als die kleine Bibliothekarin mit den dünnen weißen Haaren und den weiten Kleidern schon aufgebracht hinter ihrem Schreibtisch hervorstürmt und lauthals beginnt auf die herabfallenden Wassermassen zu schimpfen;
während die armen, unschuldigen Bücher Poseidons Armen überlassen werden.
Nach 10 Minuten, voller hysterischem Geschrei und hilflosem Lachen, treffen netterweise die dafür verantwortlichen Bauarbeiter ein, stets darauf bedacht, nicht zu schnell zu arbeiten.Nach weiteren fünf Minuten Überlegungen stellen sie einen Eimer in Liliputanergröße unter das wesentlich größere Loch. Mit dem Erfolg, dass jetzt nicht nur die gesamte Bib nass ist, sondern auch der Eimer ein paar nicht nennenswerte Wasserstrahlen auffängt.
Fehlte nur noch ein Plakat mit der Aufschrift: Willkommen an der Uni Köln! Lies weiter »

Geliebtes Köln,

By ger1axg (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commonswir beide führen jetzt eine schon fast 17 ½ Jahre lange Beziehung und obwohl
eigentlich kein Grund dafür vorhanden ist, möchte ich dir mit diesem Brief meine Gefühle
mitteilen. Meiner Meinung nach braucht man in einer gut laufenden Partnerschaft gar
keinen besonderen Anlass um den anderen zu zeigen, was man für ihn empfindet. Und ja,
ich finde, dass es zwischen uns nach wie vor gut läuft. Natürlich haben wir unsere Höhen
und Tiefen, doch die sind vollkommen normal. Alle anderen haben die ja auch, stimmt’s?
Es besteht gar kein Grund sich im Internet nach anderen Städten umzusehen. Oder gar
von weit entfernten, ruhigen Dörfern zu träumen. Das freundliche Lächeln von Düsseldorf
letzte Woche hat auch überhaupt keinen Eindruck auf mich gemacht.

Ach, und keine Sorge. Ich erwarte von dir nicht, dass du mir auf ähnliche Weise
deine Gefühle offen darlegst. Mir ist klar, dass das einfach nicht deine Art ist. Du bist so
stolz, so voller Energie und Leben, dass dir gar keine Zeit für solche Dinge bliebt. Das ist
in Ordnung so, denn deswegen habe ich mich ja auch in dich verliebt. Ich schätze deine
eiserne Härte und deine Kraft, denn diese gibt mir das Gefühl beschützt zu werden. Auch,
wenn du nicht so gut darin bist es mir zu zeigen, weiß ich immer, dass du für mich da bist.
Manchmal fühle ich mich zwar von dir bedrängt, doch dafür kannst du ja nichts. Lies weiter »

(M)eine Stadt

By Roy Niekerk (Own work) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia CommonsSommer. Das Flugzeug kreist über dem südchinesischen Meer. Langsam bekommt man einen Blick auf die Stadt. Das Wasser ist stechend blau. Bilderbuchblau. Blau ist es hier immer, am Tag hellblau, in der Nacht dunkelblau. Grau ist es nur, wenn es so sehr stürmt, dass man das Haus nicht verlassen sollte.
Das Flugzeug landet sachte auf der Landebahn, die bis in das Wasser reicht.
Es ist brennend heiß. So heiß, dass man denkt, der Asphalt würde einem unter den Füßen wegschmelzen. So heiß, dass die Köpfe der hektisch herumrennenden Gestalten glühen. So heiß, dass man eigentlich nicht hinausgehen möchte.
Drinnen ist es eiskalt. Kalt wie im Winter, man möchte eigentlich seine Winterkleidung aus dem Koffer kramen. Blöd, ich habe keine Jacke dabei.
Der Flughafen ist überfüllt und vollgestopft. Vollgestopft mit Menschen, die herumschlendern, auf der Suche nach Freunden, Verwandten, einem bestimmten Laden. Nach stundenlangem Suchen finde ich meinen Koffer. Endlich raus hier, noch denke ich, dass sich die Menschenmengen class=”alignleft”draußen verlieren würden.
Raus in die Freiheit. Es ist wieder unangenehm heiß. Schnell zum Auto laufen, dort ist es wieder angenehm kühl. Ich darf vorn sitzen, also laufe ich auf die rechte Seite des Autos. Doch hier fährt man auf der linken Seite der Straße, also sitzt der Beifahrer links, nicht rechts. Anders.
Alles hier ist so anders.
Endlich fährt das Auto weg vom Flughafen auf die Straße. Nicht nur der Flughafen war überfüllt, auch auf der Straße fahren die Autos dichtgedrängt aneinander. Es ist so brechend voll, dass ich den Überblick verliere.
Sommer. Hitze. 30 Grad, manchmal sogar 40 Grad heiß. Ich bin auf der Suche nach Antworten. Antworten auf Fragen, die ich noch nicht gestellt habe, geschweige denn, dass sie mir bekannt wären.
Das Auto wird wieder langsamer. Ich werfe einen Blick hinaus auf die dicht besiedelten Straßen. Menschen schlurfen in schnellen Schritten über die Straßen, fast schon hektisch. Links von mir spielen Kinder an ihren Handys, rechts von mir sitzen alte Damen, die die Szene beobachten, genauso wie ich, nur ist es für sie grauer Alltag geworden. Neben ihnen sitzen ihre ebenso alten Ehegatten. Sie spielen Mahjong oder lesen in ihrer Zeitung, immer darauf bedacht, nicht zu sehr aufzufallen.
Die Restaurants sind zu dieser Zeit voll besetzt. Kaum einer sitzt um diese Uhrzeit zuhause, die Küchen sind zu klein zum Kochen, die Wohnungen zu klein um die Familie einzuladen. Alle sitzen sie an runden Tischen. Man lacht, tauscht sich aus.
Sommer. Alles ist mir fremd. Das soll also meine Stadt werden. Lies weiter »

Da sind sie ja alle!

KstaSommerakademie

Eine Nachlese im wahrsten Sinne des Wortes. Endlich sind eure Texte für den Kölner Stadt-Anzeiger erschienen. Und auch online: http://www.ksta.de/kultur/netzwerk-der-literaturhaeuser–koeln-ist-cool–aber-haesslich-,15189520,24050596.html.

Ein Blick aus eurer Stadt auf Köln, dazu ein Lesetipp. Der Sommer ist noch nicht vorbei und für alle, die gerade zu viel zu tun haben: Auch im Herbst kann man sehr gut lesen. Auf dem Sofa oder so.

Aber jetzt ist es Sommer. Einige haben noch Ferien, andere sitzen schon wieder in der Schule. Die Sommerakademie ist vorbei und irgendwie auch nicht.

Warum tust du dir das an?

 

Hauptbahnhof-Kirchentagsbesucher-2-

Menschen. Überall Menschen. Und sie versperren mir auch noch den Weg. Genervt steige ich aus dem Zug. Schon wieder nicht geschafft als eine der Ersten raus zukommen, so wäre ich dem Gedränge auf der Treppe entgangen. Mit dem schweren, mit Mohnblumen bemusterten Rucksack, der aus ästhetischen Gründen trotzdem nur auf einer Schulter getragen wird, schleppe ich mich die Stufen hoch. Endlich oben. Menschen hasten an mir vorbei, rufen sich irgendwelche Sachen zu und rempeln sich an. Ich schlage mich zu „Le Crobag” durch und will mir eine Laugenbrezel kaufen. Frauen mit Rollkoffern versuchen sich vorzudrängen, was ich jedoch nicht zulasse. Die Verkäuferin kann mir dieses eine Mal nicht falsch rausgeben, das Geld hab ich passend.

So nehme ich den Hamburger Hauptbahnhof morgens um halb 8, auf dem Weg zur Schule, wahr. Vom Hauptbahnhof geht es weiter zur U 3 bis nach Mundsburg.

Die U-Bahn ist immer um diese Uhrzeit überfüllt, doch ich schaffe es noch mir einen Sitzplatz zu ergattern. Ein wenig tut mir die alte Frau die jetzt stehen muss leid, doch der Mann neben mir kann ja auch aufstehen, finde ich. Endlich, 7 Minuten später, die sich anfühlten wie eine halbe Stunde, stehe ich im U-Bahnhof Mundsburg, sehe schon viele Leute aus meiner Schule.

Wie können
Kaum bin ich aus dem Bahnhof raus, sehe ich auch schon die vielleicht 50 m entfernte Ampel von grün auf rot springen.die so gut gelaunt sein morgens?

Rennen oder nicht rennen?
Während ich noch überlege, fahren schon die ersten Autos. Nicht rennen.

Also stehe ich geduldig an der Ampel und warte. Und warte. Und warte. Bis sie endlich wieder in einem wunderschönen Grün erstrahlt.
Dann durch den Mundsburgcenter, links abbiegen, rechts abbiegen – Tadaaaa, meine Schule!

Das ist der Teil den ich von Hamburg kenne. Hin und wieder war ich mal in der Stadt und bin ein wenig herumgeirrt, aber diese Strecke kenne ich wirklich.

Ich bin in Düsseldorf geboren , ein paar  Jahre dort aufgewachsen, dann wohnte ich in einem Dorf nahe Nürnberg und nun in Lübeck.
Lübeck ist klein und gemütlich. Hier gibt es keine U-Bahn, hier ist nicht so ein Stress und irgendwie ist es ruhiger.
In Hamburg nerven  mich  manchmal die vielen Leute um mich herum, die weiten Wege oder dass man sich so leicht verirren kann.

Trotzdem mag ich Hamburg lieber. Diese Stadt ist  groß, hell, offen, vielfältig und beeindruckend.

Wenn ich nicht regelmäßig in Hamburg wäre, würde ich wirklich was vermissen.
Das merke ich besonders jetzt, wo ich krank bin und das Bett in Lübeck hüten muss.

Ich habe nichts womit ich meine abendliche Grummeligkeit
(„Ich bin heute mit einem überfüllten Zug nach Hamburg gefahren und dort durch die Gegend gerannt, das war total anstrengend!”)
oder meinen chronischen Geldmangel
(„Mamaaa, ich brauch Geld. Ja, aber..Weil…Die Verkäuferin bei KFC im Hamburger Hauptbahnhof gibt das Wechselgeld immer falsch raus, dafür kann ich doch nichts! Krieg ich jetzt das Geld?”)
begründen könnte  oder wovon ich schwärmen könnte
(„Im Zug war heute wieder dieser eine Mensch, der ist totaaal hübsch. Ja, okay, er hat ne Freundin…Aber das ist doch egal. So zum Anhimmeln geht’s doch. Aber das ist trotzdem gemein von ihm. Sie einfach so auf dem Bahnsteig vor MEINEN Augen zu küssen. Ich geh jetzt Frustessen. Mäh.”).
Zudem ist Hamburg sehr groß.
Ich würde gerne wenn ich mal erwachsen bin dort wohnen und arbeiten. Dann könnte ich täglich mit der U-Bahn  zum Arbeitsplatz fahren und wenn ich Pause mache irgendwo schnell was zu Essen holen um dann weiterzuarbeiten und hin und wieder aus dem Fenster auf die Alster schauen. Wenn ich dann Feierabend habe, fahr ich noch schnell einkaufen, und dann nachhause. Und mein zuhause wäre eine schöne Wohnung, in einem dreistöckigem Haus mit netten Nachbarn.

Aber jetzt ist es noch nicht so weit.
Noch pendle ich.

Von meinen Klassenkameraden  höre ich daher häufig die Frage „Warum tust du dir das an?”.

Ja, warum tu ich mir eigentlich an?
Um 5 Uhr morgens aufstehen, zum Zug hetzen, 45 Minuten fahren und bis ich an der Schule bin dauert es nochmal 15 Minuten. Ein paar Stunden dort ausharren und dann geht es auf dem selben Weg wieder zurück.
Diese Frage beantworte ich häufig mit einem Schulterzucken und „Ich mag Hamburg nun mal.”
Darauf folgt dann „Ich könnte das nie!”.
Hm. Ich schon. Es lohnt sich.

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Malva ist 16 Jahre alt, lebt in Lübeck und das ist sein Bewerbungstext für die Sommerakademie.

Ein einziger Tag

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Ein einziger Tag kann ein ganzes Leben verändern.

Bei Monty war es ein Tag vor acht Jahren. Der Tag an dem er mit seiner ersten großen Liebe in Würzburg unterwegs war, die beiden waren seit vier Jahren zusammen. Ein anderer Mann belästigte seine Freundin, Monty griff ihn an. Anfangs war es nur ein Handgemenge, dann zog der Mann ein Messer, Monty nahm seine Flasche und prügelte auf ihn ein.

Nun ist der Mann halb gelähmt. Monty kam für sieben Jahre ins Gefängnis, wegen versuchtem Totschlag.

Seitdem ist nichts mehr wie es war.

 

Monty ist ein 28-jähriger Mann. Er ist kräftig gebaut und hat viele Tattoos auf seinem Arm, die alle eine kleine Geschichte erzählen. Sein Gesicht sieht verbraucht aus.

Ich traf ihn auf der Straße und fragte ihn, ob er mir seine Lebensgeschichte erzählen könne.

Er willigte ein und begann mit seiner Schulzeit. Er war mal auf dem Gymnasium, hatte einen Schnitt von 1,9. Doch Latein machte ihm schwer zu schaffen und so kam er auf die Realschule. Dort wurde jedoch seit vier Jahren Englisch unterrichtet, was er zuvor nicht hatte. Er konnte keine vier Jahre in einem nachholen und landete auf der Hauptschule. Nun hat er einen Hauptschulabschluss.

Seit einem Jahr ist er aus dem Gefängnis entlassen und lebt auf der Straße. Zwar steht er auf einer Warteliste für Wohnungen, doch in Köln gibt es zu wenige. Noch dazu ist er arbeitslos.

Bei seinen Eltern kann er nicht wohnen, weil sein Vater nichts mehr von ihm wissen will. Doch seine Mutter hält zu ihm und hatte ihm z.B. Geld ins Gefängnis geschickt. Nur wohnen kann er dort nicht, höchstens für ein paar Nächte. Allein schon wegen seinem kleinen Bruder.

Monty hat eigentlich keine Perspektive.

Er wünscht sich eine Wohnung und eine Arbeit, dann wäre er schon zufrieden.

Vielleicht erfüllen sich eines Tages zumindest diese beiden Wünsche und er kann wieder ein halbwegs normales Leben führen.

Sein größter Wunsch wird aber nie in Erfüllung gehen – Die Zeit zurück zu diesem Tag zu drehen ist unmöglich.

Fantastisches Köln

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Feuerbälle wirbeln durch die Luft, wie von nichts gesteuert. Alles um sie herum verschwindet, wird zu einem Schleier aus Gesichtern und Lichtern, während das Feuer sich durch die dunkle Nacht schlängelt.

Und schließlich eine Fontäne, die aussieht als wäre sie aus flüssigem Feuer.

Das kleine Publikum Uhht und Ahht vor Erstaunen, aber der Feuerspucker gibt sich nicht damit zu Frieden. Er macht es noch einmal, immer und immer wieder.

Schließlich geht ihm die Puste aus. Ihm ist warm, wenn nicht sogar heiß. Die Menschen klatschen. Es sind so viele, so viele, wie schon lange nicht mehr. Es ist Donnerstag Abend, der kleine Freitag, wie er auch genannt wird, und das Wetter ist schön. Das zieht die Leute auf die Straßen.

Er sieht unter ihnen viele ältere Menschen, die ihn mit diesem netten, begeisterten Strahlen im Gesicht ansehen, junge Menschen, die sich über ein Bier hinweg mit ihren Freunden unterhalten und ihm hin und wieder einen Blick zu werfen.

Er sieht auch eine Gruppe von Mädchen, acht, neun, zehn sind es und ein Junge. Sie sehen ihn an. Reden über ihn. Er würde so gerne wissen wollen, was sie sagen.

Man denkt immer, dass die Nervosität sich legt mit der Zeit, was sie vielleicht auch ein bisschen tut. Aber er will trotzdem wissen, was sie über ihn sagen.

Es interessiert ihn einfach.

Er packt seine Sachen zusammen, löscht das Feuer und macht sich auf den Weg.

Vor ihm ragt der Dom hoch hinaus. Von weitem sieht er in dem künstlichen Licht fast blau aus.

Der Feuerspucker wird sich nie an ihm sattsehen können.

Als er an dem alten Gemäuer vorbei läuft, geht er ein wenig näher heran.

Die alten Statuen wirken fast lebendig in der Stille.

„Hat du Mörchen?“, fragt eine unheimliche Stimme, woraufhin der Feuerspucker erschrickt.

„Was zum..“

Etwas kichert hoch. Doch er kann nicht sehen was. Er dreht sich mehrmals um doch da ist niemand, weit und breit.

„Wen such´ste denn?“

„Wo bist du?“

„Wer hat denn gesagt dat ich hier bin?“, er hört wieder ein schallendes Lachen. „Spass beiseite, Freundchen, wo haste denn dein Feuerzeug gelassen, hä?“

Der Feuerspucker ist kurz davor zu gehen, bis er schließlich einen Schatten am Domgemäuer sieht. Er folgt ihm mit seinen Augen, doch da ist nichts.

Er ist kurz davor zu gehen. Bestimmt ist das nur ein Betrunkener, der nicht mehr weiß, was er sagt oder ein schlechter Scherz.

Aber der Feuerspucker hält noch einen kurzen Moment inne, als die Stimme sagt:

„He warte doch mal! Ich hab mich noch gar nich vorgestellt, ich bin der Domgeist!“

Von der “Massenunistadt” zur Heimatstadt

Veronika ist eine Studentin der Universität zu Köln. Sie erzählt von ihren Eindrücken, als sie mit 19 Jahren nach Köln kam und davon, wie sie die Stadt heute erlebt.

Während draußen die Luft vor Hitze flimmert, ist es im Foyer des Hotels Motel One in der Tel-Aviv Straße angenehm kühl.

Veronika lehnt sich lachend zurück im Sesseln und streicht sich ihren Pony aus dem Gesicht. Sie denkt gerade zurück an ein Erlebnis an ihrer Universität.

„Ja, also das war schon witzig so im Nachhinein. Man muss sich ja nur mal vorstellen, plötzlich kommt da eine Wasserfontäne von der Decke herunter, und alle Bücher und Rechner und Studenten sind einfach nur nass…“, wieder muss sie lachen und erzählt schließlich von einer Bibliothekarin, die wild mit den Armen herumfuchtelt und das Wasser anschreit, als könnte es etwas dafür.

„Irgendwann kamen dann die Bauarbeiter, ganz bedacht darauf, ja nicht zu schnell zu sein. Und sie stellten nur einen kleinen Eimer und alles spritzte daran vorbei.“

Veronika ist Studentin in Köln. Die Jahre bis zu dem Abschluss ihres Abiturs lebte sie mit ihrer Familie in Aachen, danach in Bonn.

Mit 19 bewarb sie sich an der Universität und belegte die Fächer Germanistik, Geschichte und Französisch.

Ihre Liebe zu dieser Sprache entdeckte sie nach einem einjährigen Aufenthalt in Paris, aber ihr Schwerpunkt ist Germanistik. Sie überlegt sich vielleicht Lehrerin zu werden, vielleicht auch im kulturellen Bereich tätig zu werden. Ehrenamtlich leitet sie schon seit zwei Jahren eine Jugendgruppe des Roten Kreuzes und ist in der letzten ganzen Juliwoche für unsere Gruppe da. Während wir uns komplexen journalistischen Tätigkeiten widmen organisiert sie das Abend – und Freizeitprogamm und sorgt dafür, dass auch niemand verhungert.

Ihr früheres Hobby war es, Tagebücher zu schreiben und Gedichte zu verfassen. Durch ihr Studium hatte sie nur noch wenig Zeit für diese literarischen Aktivitäten übrig. Das findet sie sehr schade.

Die gebürtige Aachnerin empfand die Großstadt Köln in der Anfangszeit ihres Studiums als hässlich und unattraktiv. Kein Ort für sie, an dem sie freiwillig leben wollen würde. Eine Zeit lang überlegte sie sogar, in Münster weiter zu studieren.

Besonders schlimm ist ihre Anfangszeit gewesen, so erzählt sie.

„Die Kölner Universität ist einfach so eine Massenuni. Und die Stadt selber hatte keinen Charme.“

Eine Universität, an der sich vor allem die jüngeren Jahrgänge und Studienanfänger um Plätze im Hörsaal streiten müssen.

Außerdem gehören dazu die ständigen Bauarbeiten an der Universität, die einen unheimlichen Lärm verursachen und es den Studenten damit schwer fällt, sich zu konzentrieren.

Daher auch der Wasserschaden in der Bibliothek, an den sie mit einem Grinsen denken muss. Lies weiter »

Einmal Gulasch in die Karibik, bitte!

Peoplewatching in Köln am Neumarkt. Trotz der schwülen Nachmittagshitze eilen hier Vertreter aller Erdteile umher. Eine wahre Fundgrube außergewöhnlicher Lebensgeschichten. Doch der Afrikaner im bunt gemusterten Einteiler muss mit dem Motorrad eilig zur Arbeit. Der Gang der beiden jugendlichen Afroamerikaner ist viel zu lässig, um für eine neugierige Begegnung zum Stehen zu kommen. Und der Inder mit dem türkisenen Turban kümmert sich lieber um den Laden und die frisch angereiste Verwandtschaft, als Fragen zu beantworten.

Der weiße Mann in den Mittfünfzigern, der unruhig vor einer Gulasch-Bar herumsteht, ist vergleichsweise unscheinbar. Mit der hohen, kritisch gerunzelten Stirn hat er vielleicht noch einen gewissen Aspekt von Jack Nicholson in schlankeren Zeiten. Ansonsten eher ein Bürger der langweiligeren Sorte Kölns, könnte man meinen.

Dabei ist Peter gar nicht aus Köln. Und Pallavi, die hübsche indische Frau, die plötzlich an seiner Seite auftaucht, erst recht nicht. Köln ist nur einer von vielen Schauplätzen in ihrem Leben. Was sie an einem feuchtwarmen Juli-Nachmittag vor einer Kölner Gulasch-Bar zusammenführt, ist mehr eine Frage wert, als der erste Anschein erahnen lässt. Die Antwort offenbart eine Lebensreise, die nicht einmal im vielfältigsten Kölner Stadtviertel gewöhnlich erscheint.

Eine Reportage von Elena Ziegler Ruiz

Zu Peters Bedauern findet Pallavi als Vegetarierin die Puszta Hütte weniger berauschend.
Copyright: Elena Ziegler Ruiz

Kennen gelernt haben sich Peter und Pallavi in Bonn. Peter war damals 23 Jahre alt, Pallavi vier Jahre älter und Peter fand sie schon damals eine „umwerfend schöne Frau“. Doch sie war mit seinem guten Arbeitsfreund Lali verheiratet, daher verbot er sich jeglichen engeren Konakt zu ihr.
Geboren ist Pallavi eigentlich in Bombay, heutiges Mumbai, blieb aber nie in ihrem Leben lang an einem Ort. Ihr Vater wurde als hochrangiger Diplomat von Krisenherd zu Krisenherd geschickt und sie zog mit ihm. „13 different schools in eleven years!“, zählt sie. Das Lächeln auf ihrem Gesicht ist nur halbtraurig. Auch wenn ein ständiger Neuanfang schwer war, liebte sie das Reisen, und ganz besondere den Fensterausblick auf den Himalaya, den sie in Nepal damals genoss. Deli dagegen wurde zu dem Ort, an dem sie Interior Design studierte.

Auch ihren späteren Ehemann Lali lernt sie in Deli im College kennen. Für seine Arbeit als Kameramann wird Lali später nach Bombay versetzt. Das junge Ehepaar hat jedoch nur wenig Geld und muss heimlich, im Unwissen von Familie und Freunden, beim Bruder Pallavis in einer kleinen Stadt nahe Bombays unterkommen. Als Lali seinen Job verliert, kehren sie nach Deli zurück, wo sie teilweise auf der Straße leben müssen. Dann bekommt Lali ein Praktikum in Belgien in einer großen Filmproduktions-Firma und das Ehepaar zieht gemeinsam nach Europa. Ihr kleiner Sohn wird bei Pallavis Vater untergebracht, der sich zur letzten beruflichen Station in Bonn eingefunden hat. Er ist es, der Lali einen Job in der Bonner Großkopieranstalt besorgt, in der auch Peter damals arbeitet.

Auch Peter ist dort nur über Zufälle und Umwege beschäftigt. Seine Mechaniker-Lehre hat er eigentlich in Leverkusen gemacht. In dieser Zeit lernt er in der Berufsschule Hans kennen. Als Hans Vater für seinen Beruf als Mayor nach Bonn versetzt wird, hat der Sohn keine Lust, alleine in eine neue Stadt zu ziehen und überredet Peter, mitzukommen. Die beiden teilen sich in Bonn eine WG und Peter findet eine Arbeitsstelle an der Bonner Großkopieanstalt. In seinem indischen Arbeitskollegen Lali findet er einen guten Freund – Pallavi ist zu diesem Zeitpunkt für Peter absolutes „No-Go“.

1974 bekommen Pallavi und ihr Mann nach zwei Jahren in Deutschland Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung. Sie müssen wieder weiterziehen, dieses Mal nach Toronto, Kanada.
„Der Kontakt ging verloren“, sagt Peter trocken, erntet dafür aber sofort Einspruch von Pallavi, die ihn an die Briefe erinnert, die sie geschickt hat: „jede Christmas!“
In Kanada ist Lali erneut arbeitslos, ebenso wie Pallavis Bruder, der aus Indien zu ihnen zieht. Aus der Not heraus gründen beide Männer einen Versandhandel. Pallavi geht in Toronto ein zweites Mal zur Uni und studiert Programming and Analysis. In der Start-up-Firma ihres Mannes installiert sie die Software und übernimmt den Chefplatz des Bruders, als dieser nach Kalifornien weiterzieht.

Erst vor vier Jahren wird Peter wieder präsenter in ihrem Leben. Lali ist zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre tot. Von einem gemeinsamen Freund aus „Bonn-Zeiten“ lässt Peter sich Pallavis E-Mail-Addresse geben. Über das Internet halten beide schon bald engen Mail-Kontakt. Noch im selben Jahr besucht Pallavi ihn zum ersten Mal in Wuppertal, wo Peter hingezogen ist, um in seinem Leben doch noch Soziologie zu studieren. „Es hat ihm sehr Spaß gemacht“, sagt Pallavi mit jenem immergleichen Lächeln, halb bedauernd, halb amüsiert. Als habe sie sich abgefunden mit dem Leben und seinen seltsamen Versäumnissen. Denn aus Geldmangel musste Peter das Studium kurz vor der Diplomarbeit abbrechen, um Vollzeit als LKW-Fahrer zu arbeiten. Er war dennoch zufrieden mit dem Job: „Es war eine kleine Firma, es gab ein gutes Arbeitsklima und ich hatte ja Schulden.“
Pallavi besucht ihn in den Folgejahren regelmäßig, letzten Winter reißt Peter zum ersten Mal zu ihr nach Toronto und lernt ihre Familie kennen.

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3,50€ für eine kleine 250g-Dose Gulasch – bestes Souvenir aus Köln?
Copyright: Elena Ziegler Ruiz

An diesem schwülen Sommernachmittag hat wieder Pallavi die lange Reise auf sich genommen, um ihren Lebensgefährten zu besuchen. Den Abstecher über Köln hat sie nur für einen Trostbesuch bei Freunden im Scheidungsprozess unternommen. Peter hat sich vor der unangenehmen Angelegenheit lieber gedrückt, aber der Trip nach Köln kam ihm mehr als Recht. Mit seinem Jugendfreund Hans war er früher jedes zweite Wochenende zum Feiern in der Stadt: „Entweder in Düsseldorf oder Köln“, erzählt er lachend. „Je nach dem, wo die Leute besser bekleidet waren!“

Nicht aus Zufall steht er außerdem vor der Gulasch Bar – da ist er überzeugter Stammkunde: „Die Puszta-Hütte kennt jeder in Köln!“, schwört er. „Die gibt’s seit 63 Jahren!“
„62“, wendet Pallavi weise lächelnd ein.
„65“, wird später der Kellner korrigieren, wenn beide schon längst zwischen den vielfältigen Gestalten des Kölner Neumarkts verschwunden sind. Nicht nur ihre fast schon kunstvoll verworrene Lebensgeschichte, sondern einfach alles in diesem Viertel scheint eigenartig weltoffen. Sogar die Puszta-Hütte exportiert ihren Gulasch bis in die Karibik. Und wenn Peter in dieser Umgebung erklärt, er könne noch nichts über ihre gemeinsame Lebensplanung sagen – „außer, dass wir zusammenbleiben“ klingt das in seiner ernsten Jack-Nicholson-Art auch gar nicht kitschig.